Kein schöner Land… oder: Wie es sich im Gestern lebt

Zachow SkylineÜber ein halbes Jahr ist es nun schon her, daß ich den großen Sprung wagte und nicht nur meine Karriere in eine völlig andere Richtung lenkte, sondern auch den Wohnsitz 900 km nordwärts in eine Gegend Deutschlands verlegte, über die viele nur die Nase rümpfen.

Zeit, endlich einmal zu berichten.

Zachow, so heißt mein neues Domizil, liegt in Mecklenburg-Vorpommern zwischen Neustrelitz und Neubrandenburg, etwa 110 km nördlich von Berlin. Zachow hat nur eine einzige Straße, knapp 100 Einwohner, aber dafür ein eigenes Geschichtsbuch, zwei Storchennester, etwa 35 Islandpferde und eine Islandpferde-Anlage von internationalem Rang. Diese ist mein Arbeitsplatz.

Man könnte sagen, daß sich hier Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber dies wäre bei weitem untertrieben. Denn wo sonst kann man z.B. beobachten, daß ein Laubfrosch mühelos den Türrahmen hochklettert, wenn ihm danach ist, oder daß frischgeschlüpfte Ringelnattern in den ersten kalten Herbstnächten gerne mal Zuflucht in den Pferdeboxen suchen?

Auch landschaftlich ist die Gegend eine echte Perle. Am Rande der Mecklenburger Seenplatte gelegen, finden sich im ehemaligen Gletscher-Endmoränengebiet glasklare Seen, umrahmt von weichen Hügeln, so weit das Auge reicht. Wer die Ruhe liebt, der wird sich hier wohlfühlen, denn durch die Lage zwischen den touristischen Hochburgen Müritz im Süden und Ostsee im Norden bleibt man hier von den Massen weitgehend verschont. Hier dreht der Fährmann noch von Hand die Seilwinde, hier ist das Wasser noch so blau wie auf den Postkarten. Die Welt scheint hier noch in Ordnung.

Doch bei all dem Überschwang sollen die auch kleinen Unannehmlichkeiten nicht unerwähnt bleiben:

IMG_7250In Zeiten von YouTube und Breitband scheint die Marke mit dem rosa T all jene vergessen zu haben, die nicht in Ballungsgebieten wohnen. DSL gibbet nicht und wird es auch auf absehbare Zeit nicht geben. Das heißt für Leute wie mich, entweder den Schlepptop einzupacken und zum nächstmöglichen Access Point zu fahren, oder sich auf teure Alternativen einzulassen. Ein Nachbar hat sich kürzlich für viele hundert Euro eine Verbindung über Funk einbauen lassen, und mein Vermieter setzt seit neuestem auf “Edge” (das es nicht als Flatrate, sondern nur zeitbezogen gibt – Bandbreite: bescheidene 256k). Wie der Name schon vermuten läßt, zielt dieser Tarif wohl auf informationstechnische Randgruppen ab, denn schon eine Flickr-Seite braucht etwa eine Minute, um sich zu laden. Und das wohlgemerkt mit clientseitig schon stark komprimierten Bildern. Keine wirkliche Alternative für jemanden, der regelmäßig größere Datenmengen hin- und herschiebt…

So wie den Zachowern geht es den meisten kleineren Gemeinden im Land. Insgesamt wird geschätzt, daß noch immer 5-6 Millionen Bürger ohne Breitbandanschluß auskommen müssen, die meisten davon im ländlichen Raum (siehe hierzu den Appell bzw. Masterplan von DStGB, DLT und VATM). Nun habe ich noch relatives Glück, da ich am Arbeitsplatz ins Internet kann. Was aber mit all den Schülern, denen praktisch jede Möglichkeit, Inhalte zuhause im Netz zu recherchieren, und damit das Recht auf Bildung, genommen wird? Was mit den Dienstleistungsbranchen, die auf das Internetgeschäft als Erwerbszweig angewiesen sind? Muß man sich da noch wundern über die allseits beklagte Landflucht?

Die Telekom stellt, was die Bitten der Betroffenen angeht, konsequent auf Durchzug, denn ein Ausbau rechnet sich nicht. Dabei müßte doch nur ein weiterer Verteiler aufgestellt werden. Man kann nur hoffen, daß die Politik dieser Benachteiligung ganzer Bevölkerungsgruppen bald ein Ende bereitet. Erste Aktionen gibt es jedenfalls schon, doch bis diese Bemühungen auch die letzten Winkel ans Netz bringen, wird wohl noch ungewisse Zeit ins Land ziehen.

Was kann man nun als Einzelner tun? Mal abgesehen davon, daß man natürlich jede Woche in den nächsten T-Punkt marschieren und die Angestellten dort nerven kann, wäre ein erster Schritt, sich bei kein-dsl.de zu registrieren und sich im Forum zu beteiligen. Dort können sich Leute z.B. zu regionalen Initiativen zusammenschließen und individuelle Alternativen erörtern. Weiterhin ist es denkbar, sich innerhalb der Gemeinde zu engagieren. Weiß man auf dem Amt überhaupt, wie dringlich die Problematik ist? Wenn ja, dann wird man für jegliches Engagement offen sein. Vielleicht gelingt es ja, Stimmen zu bündeln und von unten her Druck auszuüben. Wenn nein, dann rennt dem Bürgermeister die Türen ein, macht auf das Problem aufmerksam und zeigt, daß ihr mit der Situation nicht einverstanden seid! Jeder einzelne kann etwas bewirken; durch Warten allein wird wenig passieren.

10.02.2008 ✭ Schlagwörter: Ein Kommentar

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Ein netter Mensch hat einen Kommentar hinterlassen:

  1. Böttcher, Christian schrieb am 11.02.2008 um 20:25 Uhr:

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