Herausforderung 4-Tage-Woche

Diese Woche erschien ein Artikel bei A List Apart, der für mich ein paar interessante Denkansätze lieferte. Ryan Carson beschreibt darin seinen erfolgreichen Weg zu mehr Effektivität bei kürzerer Arbeitszeit. Hier folgt der Artikel in der Übersetzung:

Je mehr man arbeitet, desto mehr kann man erledigen, oder?
Nun, ich möchte euch ermutigen, euch der “Vier-Tage-Herausforderunng” zu stellen.

Das Problem

Wenn du bist wie die meisten Leute, dann hast du ständig zu viel zu tun und nie genug Zeit, es zu tun. Das E-Mail-Postfach quillt dauernd über und die To-Do-Liste hört nie auf. Du hast immer dieses latente Schuldgefühl, weil du nie genug Zeit mit dem verbringst, was du eigentlich erledigen solltest. Und was noch frustrierender ist: Je mehr du arbeitest, desto mehr scheint es zu tun zu geben. Argh!

Wie können wir uns also dieser Situation entziehen?

Die Herausforderung

Meine Frau und ich hatten kürzlich eine Unterhaltung über unser Arbeitspensum und unsere Lebensqualität. Wir waren beide extrem überarbeitet und fühlten und ziemlich ausgelaugt. Neben dem Führen von Carson Workshops, dem Erstellen von Webapplikationen wie DropSend, dem Organisieren von BD4D, dem Aktualisieren von Bare Naked App und dem Instandhalten von Vitamin blieb einfach nicht genug Zeit, alle Dinge erledigt zu bekommen.

Gillian (meine Frau) sagte “Warum probieren wir nicht einfach, nur vier Tage die Woche zu arbeiten und schauen, ob es funktioniert? So hätten wir mehr Zeit um zu entspannen.”

Ich hielt das für eine lächerliche Idee. Wie in Gottes Namen würden wir alles auf die Reihe kriegen? Wir haben schon bei fünf Tagen die Woche viel zu viel zu tun, wie dann erst bei vier?

Und dann kam ich drauf: Es wird immer noch etwas zu tun geben. Das ändert sich auch nicht, wenn wir mehr arbeiten. Tatsächlich ist Mehrarbeit eigentlich kontraproduktiv. Zu dem Zeitpunkt begann ich meinen Arbeitstag um 5:30 Uhr morgens und hörte um 10:00 Uhr abends auf, aber hatte immer noch nicht alles erledigt. Wenn ich eine solche extreme Anzahl Stunden arbeitete und trotzdem mit meinen To-Dos nicht schritthalten konnte, dann war es eindeutig keine Lösung, noch mehr zu arbeiten.

Ds Problem hatte nichts mit der Zeit zu tun, sondern mit der Einstellung. Ich wußte, daß ich eine ganze Woche Zeit hatte, um meine Arbeit zu erledigen, also verteilte ich die Arbeit über fünf (oder sieben!) Tage. Wenn ich wüßte, daß ich nur vier Tage Zeit hätte, um die Arbeit einer ganzen Woche zu erledigen, hätte es mich motiviert, die Dinge effizienter zu erledigen.

Hier also die Herausforderung: Weniger Stunden arbeiten.

Wie man es anpackt

Nun, weniger zu arbeiten hört sich ja gut an, aber wie funktioniert das im wirklichen Leben? Es hängt hauptsächlich von zwei Dingen ab:

  1. ob man sein eigener Chef ist oder nicht
  2. ob man Produkte verkauft oder Dienstleistungen

Wenn du dein eigener Chef bist

Wenn du selbständig bist, hast du die volle Kontrolle über deine Tagesordnung. Du kannst entscheiden, an welchen Tagen und wie lange du jeden Tag arbeitest. Gill und ich arbeiten Montags bis Donnerstags von 9 bis 18 Uhr. Es spielt keine Rolle, wie du deine Arbeitswoche einschränkst, solange du es nur tust.

Wenn du für jemand anderen arbeitest

Wenn du einem gewöhnlichen Vollzeitjob nachgehst, denkst du jetzt vielleicht “na, ist ja super für dich, Ryan. Du kannst deine Arbeitswoche selbst bestimmen. Aber mein Boß wird mich rausschmeißen, wenn ich ihm eine 4-Tage-Woche vorschlage!” Und du hast wahrscheinlich recht.

Wie auch immer, du kannst dieser Herausforderung in vielerlei Hinsicht begegnen. Anstatt früher zur Arbeit zu kommen und verspätet Feierabend zu machen, sag zu dir selber, daß du genau 8 Stunden Zeit hast, um all deine Aufgaben zu erledigen. Zieh einen mentalen Schlußstrich am Ende des Tages und geh sicher, daß du genau um 17 Uhr deinen Computer herunterfährst und deine Tasche zusammenpackst.

Wenn du dir selber sagst, daß du nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung hast, um eine riesige Menge an Dingen zu tun, dann wirst du festetellen, daß es dir dabei hilft, dich zu konzentrieren und schneller zu arbeiten.

Produkte versus Dienstleistungen

Es ist natürlich deutlich schwieriger, eine Viertagewoche zu realisieren, wenn du ein Dienstleistungsunternehmen führst. Zum Beispiel müßten Designunternehmen wirklich hart arbeiten, um eine Viertagewoche einzuhalten, einfach nur deshalb, weil Kunden es von dir erwarten, daß du fünf Tage die Woche im Büro bist.

Wenn du dich hier wiederfindest, solltest du dir folgende Frage stellen: “Finanziert meine Arbeit mein Leben, oder ist es umgekehrt?” Ich bin davon überzeugt, daß es das erstere sein sollte. Jawohl, du wirst ein paar Kunden verlieren, die von dir erwarten, daß du jederzeit für sie da bist, aber spielt das, mit etwas Weitblick betrachtet, eine Rolle?

Eine mögliche Lösung für dieses Problem könnte es sein, eine Viertagewoche nach und nach einzuführen. Vielleicht anfangs nur einmal im Monat. Dann allmählich zweimal. Schließlich wirst du es irgendwann den ganzen Monat machen können und deine Kunden werden sich (hoffentlich) daran gewöhnt haben.

Hat es bei uns funktioniert?

Probieren und Studieren, oder so ähnlich?!?
Ich kann natürlich leicht behaupten, daß Carson Systems eine Viertagewoche arbeitet, aber was passiert wirklich jede Woche?

Es ist schwieriger, als wir dachten

Was wir erkannten ist, daß wir extrem versucht waren, freitags zu arbeiten. Wir tun das, was wir tun, gerne, und obendrein gibt es natürlich immer verdammt viel Zeug, das getan werden muß. Tatsächlich war es anfang etwas stressig, nicht diesen einen zusätzlichen Tag zu haben, um die Dinge erledigt zu bekommen.

In den ersten paar Wochen haben wir doch immer ein bißchen freitags gearbeitet, und sogar ein wenig am Sonntag. Hmmm… offensichtlich mußten wir das ganze Vorhaben mit der Viertagewoche etwas ernster nehmen.

Von Woche drei an, kann ich glücklicherweise berichten, schafften wir es mit Erfolg, eine Viertagewoche zu arbeiten. Der Trick dabei war, unsere geistige Wahrnehmung dessen umzukrempeln, wie lange eine Arbeitswoche zu dauern hatte.

Donnerstag ist der neue Freitag

Es brauchte eine Weile, bis wir den Donnerstag wie einen Freitag sahen. Was wir feststellten ist, daß der Donnerstag sehr hektisch wurde, weil wir alles für die Woche abschließen mußten, was noch nicht erledigt worden war.

Wir schauten auf unsere To-Do-Listen und erkannten, daß es immer noch wahnsinnig viel zu tun gab. Jepp. Das Ergebnis ist also, daß es donnerstags ein bißchen hektisch werden kann. Aber der Freitag wäre eh hektisch geworden, warum also nicht einen Tag früher mit der Arbeit fertig werden?

Manchmal bekommt man eben nicht alles fertig

Nachdem wir jetzt schon drei Maonate lang eine Viertagewoche gearbeitet haben, sind wir zu dem Schluß gekommen, daß wir nicht immer dieselbe Menge an Arbeit erledigt bekommen. Schauen wir den Tatsachen ins Auge, ein Tag hat nur eine bestimmte Anzahl an Stunden, und wenn man weniger Tage die Woche arbeitet, wird man unweigerlich nicht gleich viel erledigt bekommen.

Aber in der weiteren Sicht der Dinge, spielt das wirklich eine Rolle? Werden wir eines Tages auf dem Sterbebett liegen und sagen “Verdammt, ich wünschte, ich hätte mehr Arbeit erledigen können”? Ich bezweifle es.

Wie sehen also die Ergebnisse aus?

Sobald wir uns einmal daran gewöhnt hatten, die Viertagewoche einzuhalten, waren die Vorteile total erstaunlich. Es war, wie wenn jemand unserer Woche noch einen zweiten Samstag geschenkt hätte! Freitags schlafen wir aus, schalten die Kaffeemaschine um 9 oder 10 Uhr an, treiben uns irgendwo im Haus oder im Garten herum oder gehen in die Stadt in ein CafË. Es ist wirklich toll.

Wir haben mehr Frieden. Mehr Zeit um nachzudenken. Mehr Zeit, das Leben zu genießen. Es ist sagenhaft.

Praktische Tips

Wenn du die Herausforderung annehmen willst, wirst du feststellen, daß du sehr effizient sein mußt, während du arbeitest. Hierzu im folgenden ein paar Tips:

  1. Vermeide die Nutzung des Instant Messengers. Es lenkt dich nur dauernd ab.
  2. Rufe deine E-Mails nur zweimal am Tag ab. Der sicherste Weg, um Zeit zu verschwenden, ist der gute alte Senden-und-Empfangen-Button.
  3. Konzentriere dich auf das, was wichtig ist. Kümmere dich um das wichtigste zuerst. Verschwende deine Zeit nicht für Sachen mit niedriger Priorität. (Streiche die unwichtigen Dinge am besten einfach von deiner To-Do-Liste. Du wirst sie sowieso nie erledigen!)
  4. Nimm dir Zeit für dich allein. Wenn du eine ungestörte Zeit brauchst, um etwas fertig zu kriegen, dann informier deine Kollegen darüber, daß du für ein paar Stunden nicht abkömmlich bist.
  5. Schränke deine Zeit zum Blog-Lesen ein. Setz dir ein Zeitlimit für’s Bloglesen. Wenn du es in dieser Zeit nicht durch all deine Blogs schaffst, dann drücke auf den “alle als gelesen markieren”-Button und mach weiter.
  6. Führe Listen. Schreib dir eine To-Do-Liste für jeden Tag (auf Papier, wenn du es aushältst, dich von Outlook loszureißen). Setz das zeitkritische Zeug ganz oben auf diese Liste und sei realistisch. Wähle drei zeitintensive Dinge und 5 schnell erledigte Dinge, die du tun wirst, und sei sicher, daß du alle davon abhaken wirst, bevor du abends gehst.
  7. Schränke Meetings ein. Wenn möglich, beschränke die Anzahl der Besprechungen, die du einberufst, oder in die du verwickelt bist. Meetings ziehen sich in die Länge und können deinen Tag zunichte machen. Strebe anstattdessen ein bis zwei Meetings die Woche an, und plane sie sorgfältig, sodaß du sicher sein kannst, alle wichtigen Dinge anzuschneiden und bei der Sache zu bleiben.

Warum es eine Rolle spielt

Nun, warum ist es wichtig, weniger zu arbeiten? Was ist der große Deal?

Der Grund ist daß, wenn du weniger arbeitest, du mehr Zeit bekommst, das Leben zu leben und nachzudenken; du kannst die gewonnene Zeit nicht nur mit den Leuten verbringen, die du liebst, Hobbies entwickeln, oder in Dinge zu investieren, an die du glaubst, sondern auch um Ideen zu haben. Einige einer besten Ideen sind dir gekommen, als du Auto gefahren bist, gegärtnert, gelesen oder gemalt hast.

Aber was, wenn dein Job etwas ist, das dir Spaß macht? Was schadet es dann, lange und hart daran zu arbeiten? Nun, damit kann ich mich voll identifizieren. Ich liebe es schlichtweg, Carson Systems zu betreiben. Es macht Spaß, fordert mich, ist lohnend und profitabel. Mir fällt es oft schwer, weniger zu arbeiten, weil ich liebe, was ich tue.

Aber da liegt das Problem: Wenn ich alt bin, werde ich mir nicht wünschen, mehr Zeit mit dem Programmieren von Webapplikationen oder dem Organisieren von Veranstaltungen verbracht zu haben. Zeit mit geliebten Menschen verbracht zu haben oder anderen geholfen zu haben, wird mir wirklich wichtig gewesen sein. Weniger zu arbeiten, gibt dir die Zeit, das zu tun und verjüngt außerdem die Gehirnzellen, sodaß du voller Elan an deine Arbeit zurückkommen kannst. Die Mischung macht’s.

Stelle das System in Frage

Worum es in diesem artikel wirklich geht, ist, dich zu ermutigen, das in Frage zu stellen, was dir die Gesellschaft vorgibt zu tun. Steht irgendwo in Stein geschrieben “du sollst eine 40-Stunden-Woche arbeiten”?

Ein guter Teil der Einschränkungen und Grenzen, die wir uns selbst setzen, sind komplett unnötig oder noch schlimmer, halten uns vom Glücklichsein ab. Meine Hoffnung ist es, daß das Annehmen der Vier-Tage-Herausforderung dir helfen wird, das Leben mehr zu genießen und dem nachzugehen, was dir wirklich wichtig ist.

Andere Quellen

Wenn du einige geniale Ideen zum Maximieren deiner Effektivität und Zeitmanagement brauchst, möchte ich dir unbedingt die folgenden Artikel empfehlen:

  1. Getting Things Done von David Allen
  2. How to Shut Up and Get to Work! von Jason Fried
  3. Lifehacker
  4. Ta-Da Lists

Viel Erfolg!

Link zum Originalartikel
Translated with the permission of A List Apart Magazine and the author[s].

13.05.2006 ✭ Schlagwörter: Ein Kommentar

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Ein netter Mensch hat einen Kommentar hinterlassen:

  1. Zeitmanagement | Peter Unruh schrieb am 15.12.2011 um 11:06 Uhr:

    [...] hab ich bei A List Apart den ziemlich interessanten Artikel »The Four-Day Week Challenge« (deutsche Übersetzung) gelesen. Dort beschreibt der Autor, der auf jeden Fall beschäftigter ist als ich ;), wie er seine [...]

Hallo, ich heiße Birgit Zimmermann und blogge hier über Webdesign und Webentwicklung, aber auch über persönliche Dinge. mehr Info…

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