Der tägliche Wahnsinn auf den Straßen

Sorry. Ich komme heute nicht zur Berufsschule.

Der Grund dafür ist auf englisch besser zu benennen als im Deutschen:

Sickness.
(das heißt auf deutsch übersetzt sowohl Übelkeit, Krankheit, Brechreiz als auch Angewidertheit und Enttäuschung.)

Was ist passiert?

Nun, seit einigen Wochen (d.h. seit einigen Schulwochen, in totalen Zeitspannen gemessen schon deutlich länger) fahre ich nun schon auf einer Ausweichstrecke nach Stuttgart, um mir soviel wie möglich von der ständig überlasteten B313 bzw. B10 zu ersparen. Auf dem Übergang von ersterer in letztere staut es sich nämlich jeden Morgen einige Kilometer einfach wegen Verkehrsüberlastung, was bedeutet, daß man für die Strecke, die bei guten Bedingungen bequem in einer halben Stunde zu schaffen wäre, mindestens eine knappe Stunde einplanen muß. Wenn ich dann ankomme, bin ich meistens auf 180.

Ich fahre also eine Nebenstrecke, um dem Stau zu entgehen, und was geschieht? Anscheinend hat sich die Ausweichmöglichkeit herumgesprochen, denn seit dieser Woche staut sich’s plötzlich auch hier.

Das erste Mal am Dienstag (Montag fiel die Schule aus). Der letzte Teil der Landstraße vor der Auffahrt, inklusive ein paar Ampeln. Verzögerung: knappe 10 Minuten. Ist ja noch auszuhalten, aber einen Vermerk im Hinterkopf (“beobachten”) habe ich mir trotzdem gemacht.

Heute passiert es also schon das zweite Mal. Diesmal ist der Rückstau länger. Vor mir dreht schon der Großteil der Autos um. Prima, denke ich, dann geht es ja schneller voran. Doch es tut sich gar nichts. Minutenlang.

Also wende auch ich meine Kiste und steuere auf die nächste Auffahrt in der anderen Richtung zu. Nach zwei Kilometern kommt der Kreisverkehr. Ich nehme gewohnheitshalber prompt die Auffahrt in Heimrichtung. Zu dumm, denke ich, aber was solls, fahr ich halt an der nächsten runter und wieder rauf in die richtige Richtung; zu spät kommen tue ich sowieso schon.

Doch dieses Vorhaben währt nur kurz, denn auf der Gegenspur stockt’s auch schon mehr als es läuft.

Also endgültigen Entschluß gefaßt: Heim fahren und sich den ganzen Ärger ersparen. Mit meiner Zeit weiß ich Sinnvolleres anzufangen als sie auf verstopften Straßen zu verbringen.

Und nun ratet mal, wo der nächste Stau war. Genau, von der Kreuzung B313/A8 an bis zur Ampelkreuzung am Nürtinger Ortseingang. Und zwar in Richtung aus der Stadt raus, was ich eigentlich am allerwenigsten erwartet hätte.

Ich fasse zusammen: 3 Staus auf einer Strecke von 15 Kilometern.

Da drängt sich mir ein Bild aus den Zeiten von SimCity ins visuelle Gedächtnis:
Dort wurde in Heatmap-Manier die Verkehrsüberlastung in Grün- bis Rottönen angezeigt. Ich fürchte, für den Großraum Stuttgart bekämen wir einen einzigen Fleck in Farbabstufungen von orange bis dunkelrot zu sehen.

Der ganz normale Wahnsinn.

Ihr fragt euch vielleicht, warum ich mir über so etwas überhaupt Gedanken mache. Oder warum ich nicht einfach den Zug nehme. Frage ich mich ehrlich gesagt manchmal auch, denn der Großteil der Menschen scheint das alles einfach als normal hinzunehmen. Oder sich zumindest nicht groß darum zu scheren.

Ich bin mir nämlich sehr wohl darüber im Klaren, daß ich selbst Teil dieses Disasters bin (im Gegensatz zur Mehrheit der Leute, behaupte ich mal, die sich zwar genauso darüber aufregen, aber nicht im Geringsten den Zusammenhang zwischen dem Stau und ihrer eigenen Beteiligung daran zu erkennen scheinen).

Warum ich nicht den Zug nehme, erklärt sich vielleicht am besten über ein Rechenbeispiel, zu dem ich vorweg ein paar Tatsachen frei von jeglicher Wertung auflisten will:

  • Mein Arbeitsweg kostet mich im Monat zwischen 120 und 150 € Sprit (darin eingerechnet ist der kleine Umweg über den Hof, den ich fast jeden Tag fahre).
  • Zusätzlich habe ich für die Karre fixe Kosten von, sagen wir mal grob überschlagen, gut 100 Euro im Monat (Kredit abstottern plus Steuer / Versicherungen plus etwas für Reparaturen beiseite legen)
  • Mit dem Auto bin ich jeden Tag eine gute halbe Stunde pro Strecke unterwegs, wenn ich zur Arbeit fahre. In Schulwochen etwas länger.
  • Wenn ich mal spät dran bin, komme ich eben 5 Minuten später.
  • Gehen kann ich jederzeit dann, wenn ich gerade an einem günstigen Punkt bin, um mein Tageswerk abzuschließen.
  • Wenn ich mal einen Umweg fahren muß, ist das jederzeit zu realisieren.
  • zu dem Zeitpunkt, als der Autokauf nötig wurde, waren zu meinem damaligen Arbeitgeber ebenfalls etwa 30 km / halbe Stunde zurückzulegen; die Zug-/Busverbindung ging um mehrere Ecken, sodaß eine Strecke unter Idealbedingungen (die selten eintrafen, da aufgrund von Verspätungen meistens irgendein Anschluß ausfiel… meistens der, der nur alle 30 Minuten fährt) viermal umsteigen und eineinhalb Stunden an Zeit erforderte. Ich habe es ein paarmal probiert, doch es war einfach fern jeglicher Zumutbarkeit.
  • über eine Dauerkarte Tübingen-Nürtingen konnte ich keine Infos finden. Ist auch schwierig, da sich NT und TÜ in verschiedenen Verkehrsverbunden befinden. Die Einzelfahrt nach Tübingen kostet aber 6,20 Euro.
  • In Schulwochen müßte ich eine Tageskarte für den VVS lösen, also etwas über 50 € pro Schulwoche.
  • Wenn sich das Ticket gegenüber dem Autofahren rentieren soll, müßte ich das Auto verkaufen, denn nur nach Abzug der Fixkosten für das Auto kommen mich öffentliche Verkehrsmittel billiger.
  • das würde für mich bedeuten, daß ich auch auf den Hof mit dem Bus oder Zug kommen müßte, ergo eine halbe Stunde pro Strecke einplanen müßte anstatt einer Viertelstunde mit dem Auto. Hinzu kommt die zeitliche Abhängigkeit. Unterm Strich bliebe mir daher wahrscheinlich eh keine Zeit mehr für die Ausübung meines geliebten Hobbys.
  • Sonstige Vorhaben (also Fahrten woanders hin) sind noch nicht berücksichtigt.

Kommen euch jetzt schon die Tränen vor Mitleid? Nein? Habe ich auch nicht erwartet.

Was ich mit all dem sagen will, ist nur:
Ich wäre bereit, bei meiner täglichen Strecke auf den Komfort eines eigenen Autos zu verzichten. Auch die Einschränkung meiner zeitlichen Unabhängigkeit sowie ein genereller zeitlicher Mehrwaufwand wäre teilweise noch akzeptabel. Aber wo bei mir der Spaß aufhört, ist, wenn sich zu alledem für mich noch erhebliche Mehrkosten durch die Nutzung des ÖPNV ergeben.

Ein Umstieg auf ÖPNV würde für mich also die Zusatzkosten respektive große Veränderungen in meinem täglichen Ablauf (als Folgen des Autoverkaufs) mit sich bringen, wovon die Aufgabe meines Hobbies eine der schlimmsten Konsequenzen wäre. Ohne die Reiterei bin ich nur noch ein halber Mensch… wer wie ich so tief da drinsteckt, der verzichtet nicht einfach von heute auf morgen darauf. Sorry, kommt nicht wirklich in Frage.

(Mit Fahrgemeinschaften habe ich es übrigens auch versucht: Dauerinserate in den drei größten Fahrgemeinschaftsportalen regional/überregional, doch es rührte sich gar nichts. Bis auf einmal: Eine Anfrage für einmalige Mitfahrt. Aber das war ausgerechnet an einem Tag, wo ich freigenommen hatte.)

Nun drängt sich mir die Frage auf:
Was läuft eigentlich falsch bei uns? Was ist das für ein Land, in dem der Mensch quasi dafür bestraft wird, wenn er seinen Beitrag für die Umwelt und zur Entspannung der Verkehrslage leisten will, weil ihn das auch noch unverhältnismäßig mehr kostet? Wie erklärt sich, daß die Bahnpreise in gleichem Maße ansteigen, wie auch die Benzinpreise ständig wachsen? Wäre es nicht an der Zeit, endlich etwas dafür zu tun, daß Bahnfahren wenigstens in finanzieller Hinsicht attraktiver wird?

Wie lange wollen wir eigentlich noch damit weitermachen? Auf den deutschen Straßen droht der Kollaps!

Ich wäre dafür, daß Bahnfahren mehr subventioniert wird. Am Besten durch eine Verstaatlichung der öffentlichen Verkehrbetriebe. Jeder hätte seinen Beitrag zu leisten; was der einzelne draus macht, bliebe ihm überlassen.

Jetzt höre ich Aufschreie und Buhrufe. “Die spinnt wohl!” Mag sein, aber das ändert nichts an meiner Meinung.

In der EU werden laut BTW(Bundesverband der deutschen Tourismuswirtschaft) jährlich 3 Mio Neufahrzeuge zugelassen (die Quelle stammt noch aus DM-Zeiten). Wie stellt ihr euch vor, daß das weitergehen soll?

Eure Meinung interessiert mich! Was habt ihr für Ideen, wie seht ihr den Verkehr in Zukunft? Wird es so weitergehen, oder muß etwas passieren? Wärt ihr wie ich bereit, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, wenn sie billiger wären als das Autofahren?

27.04.2006 ✭ Schlagwörter: , Keine Kommentare

Ähnliche Artikel

    Keine ähnlichen Artikel gefunden.

Comments are closed.

Hallo, ich heiße Birgit Zimmermann und blogge hier über Webdesign und Webentwicklung, aber auch über persönliche Dinge. mehr Info…

Blog durchsuchen

Beliebte Artikel

Letzte Kommentare

Letzter Tweet

Im Moment kein Tweet. Sicher ist Twitter gerade überlastet.

Following:

Im Moment keine Follow-Liste. Vielleicht ist Twitter gerade überlastet ;)